Warschau: Silvester auf Polnisch

Ihr wollt Silvester einmal anders erleben? Bloggerin Maria ist letzten Winter spontan nach Warschau gereist und hat einen einmaligen Jahreswechsel in der Hauptstadt von Polen verbracht.

Obwohl ich gebürtige Polin bin, haben mich meine Reisen zu Verwandten und Events lange Zeit nicht in die Hauptstadt geführt. Letztes Jahr war mir vor den Festtagen dann nach einem Tapetenwechsel – kurzerhand entschieden meine Schwester und ich, Warschau zu besuchen. Mit ein bisschen Glück erwischten wir noch sehr günstige Zugtickets – wer die ca. 8 Stunden Fahrt nicht auf sich nehmen möchte, findet mit der Fluglinie LOT auch kurzfristig günstige Angebote.

Skyline von Warschau © marchello74 / Shutterstock.com

Aufwändige Weihnachtsdeko in den Straßen Warschaus © Maria Szmit

Warschau jetzt und damals: Auf den Spuren einer bewegenden Geschichte

Viele Touristen suchen Unterkünfte direkt in der Altstadt, ich empfehle stattdessen die Viertel rund ums Zentrum wie Praga, Saska Kęmpa oder Mokotów. Hier lebt es sich nicht nur um einiges günstiger, sondern auch authentischer – vor allem die ersten beiden Stadtteile strotzen nur so vor hippen Bars, Cafés und kleinen Shops. Dank des übersichtlichen Transportnetzes inklusive U-Bahn kommt man schnell ins (historische) Zentrum.

Denkmal des Warschauer Aufstandes © kavalenkau / Shutterstock.com

Warschau vor und nach dem Krieg - was bringt die Zukunft? © Maria Szmit

Nicht einmal 70 Jahre ist es her, dass Warschau im Rahmen des 2. Weltkriegs zu 80 Prozent zerstört wurde. Und eines ist mit dem ersten Blick in den Reiseführer klar: die Erinnerung ist bis heute in den Köpfen der Polen, sowie im Stadtbild verankert. Zahlreiche Monumente und Plätze bilden das kollektive Gedächtnis der Stadt, besonders eindrucksvoll ist das Denkmal des Warschauer Aufstandes beim Krasiński Platz. Diese mit unvergleichlicher Destruktion beendete Erhebung des Volkes ist für viele Polen bis heute ein Zeichen des unnachgiebigen Kampfes nach Identität und Überleben. Das Museum des Warschauer Aufstandes erzählt die Geschichte dieses Kampfes mit Archivfilmen, Fotos, Installationen, Audio-Tagebüchern von Überlebenden und sogar einer Flugzeug Nachbildung – gemeinsam mit der Architektur des Museums entsteht eine bewegende und packende Atmosphäre.

Ebenfalls sehr sehenswert ist das Museum der Geschichte der polnischen Juden.

Modernes Warschau: Von der ,neuen‘ Altstadt bis zum Kulturpalast

Ein Muss beim ersten Warschau Besuch ist natürlich auch ein Trip in die Altstadt, die in den Jahren 1949-55 beinahe komplett wiederaufgebaut und detailgetreu nachgebildet wurde. Das Highlight des Unesco Weltkulturerbes sind wohl die Johanneskathedrale und das später rekonstruierte Königsschloss. Wenn man am Schlossplatz steht und sich die unterschiedlichen Baustile von Barock bis Klassizismus ansieht, kann man kaum glauben, dass all dies in so kurze Zeit aus dem Boden gestampft wurde – als Brüche der glänzenden Fassade sind teils Originalteile der Ruinen freigelegt.

All diese Bemühungen bedeuten jedoch nicht, dass Warschau in seiner Vergangenheit feststeckt – im Moment besteht die Skyline der Stadt aus einer kuriosen Mischung von sozialistischen Bauten und schick verglasten Wolkenkratzern. Und mittendrin das Wahrzeichen der Stadt, der Kultur- und Wissenschaftspalast mit seiner markanten Architektur.

Der Kulturpalast, das Wahrzeichen Warschaus © Maria Szmit

Früher aufgrund der Verbindung zum Stalin-Regime eher unbeliebt, ist der Gigant heute Heimat für hochkarätiges Kino, Theater, Kulturveranstaltungen, TV– und Radiosender. Wenn man einfach nur einen spektakulären Ausblick auf die gesamte Stadt haben will, ist die Aussichtsplattform des Kulturpalasts die beste Option.

Smacznego! Kulinarische Entdeckungen in der Hauptstadt

Da wir in Österreich selten polnisch kochen, wollten meine Schwester und ich unbedingt die Speisen unserer Kindheit in Warschau wiederfinden. An polnischen Restaurants mangelt es in der Hauptstadt nicht, die Preise variieren, wie bei allem in der Stadt, je nach Nähe zum Zentrum. Eines der besten Restaurants mit moderaten Preisen ist Folk Gospoda – unbedingt die Pierogy-Platte bestellen!

Ein Muss der polnischen Küche: Pierogy mit typischen Salaten © Maria Szmit

Die ,Milchbar' Prasowy in Warschau © Maria Szmit

Ein Überbleibsel aus alten Zeiten sind die Bar mleczny bzw. „Milchbars” – einfache Kantinen, in welchen Arbeiter typisch polnische Gerichte zu niedrigen Preisen bekamen. Auch heute gibt es noch einige dieser klassischen Cafeterias, z.B. Bar Mleczny Familijny im zentralen Viertel Nowy Świat. Diesen Ort würde ich nur kulinarisch Mutigen empfehlen, die eine historisch „authentische“ Erfahrung machen wollen. Nach ein wenig Recherche fanden wir dann aber auch solche Restaurants, die das alte Konzept mit modernem Design und hohen Küchenstandards verbunden haben. Die wohl hippste Milchbar ist Prasowy  an der Haupteinkaufsstraße Marszałkowska, bei Locals am beliebtesten ist das wenige Meter weiter liegende Restaurant Złota Kurka. Ein mehrgängiges Menü an den genannten Orten wird garantiert nicht mehr als 10 € (bzw. 42 Złoty) kosten.

Kaskrut, ein Trend-Restaurant in Warschau © Kaskrut

Moderne polnische Fusion-Küche © Kaskrut

Natürlich gibt es auch zahlreiche internationale und moderne Restaurants, zur Zeit meines Besuches war das Lokal Kaskrut mit seiner sehr ästhetischen Fusion Küche in aller Munde. Für einen Snack und Drinks geht man am besten ins Znajomi Znajomych, dessen Atmosphäre sehr urban und entspannt wirkt. Wer Schokolade liebt, muss einen Besuch im Pijalnie Czekolady Wedel einplanen. In einem riesigen Areal, dass an Wiener Cafés erinnert, werden alle Produkte des bekannten polnischen Süßigkeitenkonzerns verkauft – dazu kommt eine schier unendliche Auswahl an Trinkschokoladen und Desserts.

Shop des Süßigkeitenkonzerns Wedel in Warschau © Pijalnie Czekolady E. Wedel

Keine Sorge, die Menüs in allen genannten Lokalen sind mehrsprachig verfügbar und es ist kein Problem, auf Englisch zu kommunizieren (auch mein Polnisch hat seine Grenzen…).

Warschau und die Kunst

Das wichtigste Museum für traditionelle Kunst und polnische Vetreter wie Józef Chełmoński ist das Nationalmuseum. Auch an moderner Kunst und innovativen Konzepten fehlt es Warschau nicht, mein Lieblingsmuseum ist wohl Zachęta mit seiner vielseitigen Sammlung von Picasso Bildern bis zu Lichtskulpturen lokaler Künstler. Besonders beeindruckt hat mich hier auch das Wechselspiel von klassischer Architektur und modernem Design bzw. Technik.

Lichtskulpturen in der Galerie Zachęta, Warschau © Maria Szmit

Schloss Ujazdowski © eska2005 / Shutterstock.com

Auch das Schloss Ujazdowski ist allein schon für seine königlichen Gärten und der turbulenten Geschichte wegen sehenswert. Heute ist es Sitz des Zentrums für zeitgenössische Kunst mit einer sehr umfassenden Kunstsammlung der letzten 60 Jahre sowie vielen Events und Workshops. Beide Museen besitzen übrigens hervorragende Restaurant-Cafés und Shops.

Ingwertee im Café des Ujazdowski Kunstmuseums © Maria Szmit

Warschau besitzt ein reiches Erbe an Neon-Schildern © Maria Szmit

Wer dann noch nicht Kunst-übersättigt ist, sollte auch dem Museum für moderne Kunst für die neuesten und experimentellen Künstler einen Besuch abstatten. Selbst Kunstmuffel werden ihren Spaß im Neon Muzeum haben, einer Sammlung von Neon-Schildern und Schriften Warschaus von den 1960ern bis heute.

Na zdrowie! Das polnische Nachtleben erkunden

Ob Kultur- oder Partyszene, Warschau hat mich mit seiner Bandbreite an Stilen und ungewöhnlichen Ideen sehr positiv überrascht. Man hat das Gefühl, dass dies erst der Anfang ist und viele Konzepte ausprobiert werden – ich bin gespannt, wie sich die Stadt weiterentwickeln wird. Magazine oder Mini-Guides wie Warsaw in your pocket und warsaw insider liegen kostenlos in vielen Lokalen und Museen auf, sie enthalten aktuelle Trends sowie Programme und sind voller interessanter Informationen.

Da Großstädte erfahrungsgemäß zu Silvester unberechenbar sind, haben wir die restlichen Abende genutzt, um das Nachtleben zu erkunden. Wer sich spontan umsehen möchte, dem empfehle ich wie bereits erwähnt die Studenten- und Kreativ-Viertel Praga & Saska Kęmpa. Eine besondere Entdeckung ist zum Beispiel OSP Saska Kępa, eine Mischung aus Kulturcafé, Club und Feuerwehr-Station.

Kunstinstallation © Pawel Szczepanski / Shutterstock.com

Cocktails am Warschauer Plac Zbawiciela

Der zentralste Hotspot für feucht-fröhliche Nächte ist Plac Zbawiciela, hier kann man sich entweder in einer der kleinen Bars mit unglaublich günstigen Cocktails auf den Abend einstimmen, oder eine lange Nacht mit singenden und tanzenden Menschen beenden.

Das polnische Bier-Paradies PiwPaw © PiwPaw

Retro Veranstaltung im Warschauer Lokal Sztuki & Sztuczki © Sztuki & Sztuczki

Auch in Nowy Swiat (Neue Welt) gibt es zahlreiche gemütliche Lokale, ideal für einen Snack und Drinks nach dem Sightseeing ist zum Beispiel Sztuki & Sztuczki, wo auch Konzerte stattfinden. Bier-LiebhaberInnen werden sich im PiwPaw BeerHeaven tatsächlich wie im 7. Himmel fühlen, dem Augenschein nach gibt es hier unendlich viele Sorten an Craft Beer in urig-eleganter Atmosphäre. In der kalten Jahreszeit wird in vielen Lokalen auch Grzane Piwo serviert, übersetzt heißes Bier – was sich zunächst seltsam anhört, ist tatsächlich vergleichbar mit Glühwein und sogar gesundheitsfördernd!

Silvester in Warschau: Tanzclubs & spektakuläre Feuerwerke

Wer Silvester im großen Stil feiern möchte, ist in Warschau genau richtig – aufwändige Silvesterbälle sind hier Tradition, vom Kostümball im prunkvollen Theater bis zur Konzertgala oder einem abgewandelten Techno-Ball. Häufig kauft man mit dem (sehr kostspieligen) Ticket auch schon eine gewisse Anzahl an Drinks und Verköstigung, daher bleiben die Gäste meist an einem Ort.

Der legendäre Warschauer Tanzclub Sen Pszczoły © Sen Pszczoły

Partystimmung im Klub Hydrozagadka © Klub Hydrozagadka

Auch die großen Tanzclubs der Stadt verlangen zum Jahreswechsel höhere Eintritte ab ca. 30 Euro, dafür gibt es häufig spezielle Partythemen- und Goodies sowie hochkarätige DJs. Viele Clubs befinden sich in ehemaligen Industriehallen, im legendären Club Sen Pszczoły (,Traum der Biene‘) herrscht dadurch eine Stimmung wie bei einer Abbruch-Party zu Jungle und Drum’n’Base-Musik. Freunde von Rock- und Indiemusik können im einzigartigen Club-Shop-Restaurant Bazar oder im beliebten Klub Hydrozagadka die Nacht durchtanzen. In allen Fällen gilt: Tickets unbedingt rechtzeitig buchen!

Blini im kommunistischen Restaurant Oberża Pod Czerwonym Wieprzem © Maria Szmit

Wir entschieden uns am 31. Dezember dazu, lieber flexibel zu bleiben und kein Partyticket zu kaufen. Zum speziellen Dinner gingen wir in das international bekannte Restaurant Oberża Pod Czerwonym Wieprzem aka „Wirtshaus zum roten Wildschwein“. Dieses Lokal hat sich ganz der kommunistischen Ära verschrieben – nicht nur das (großteils polnische) Essen und die Dekoration mit historischen Artefakten geben einem das Gefühl, als ob gleich Stalins oder Fidel Castros Geist als Tischnachbar erscheinen. Sogar das Menü ist nach ,Proletariat‘ und ,Bourgeoisie‘, also einfachen und Gourmet Speisen, geordnet. Außerdem kann man hier diverse Lieblingsspeisen der sozialistischen Führer bestellen, wie etwa Lenins Blini.

Das große Silvesterfest vor dem Warschauer Nationalstadion © Maria Szmit

Silvesterfeuerwerke über Warschaus Nationalstadion © Maria Szmit

Mit vollem Magen begaben wir uns dann Richtung Nationalstadium, hier sollte laut Zeitungen eine große Feier mit Live-Musik und Feuerwerken stattfinden, und das kostenlos. Tatsächlich ähnelte das Ganze von den Ausmaßen her einem Festival, schon in der Straßenbahn und danach am Fußweg wurden wir umgeben von fröhlichen, singenden Menschen mit Sektflaschen in der Hand. Auf der riesigen Bühne spielten bekannte polnische Bands und auch internationale Djs, begleitet von spektakulären Lichtshows. DAS Highlight waren jedoch die Mitternachtsfeuerwerke, die auf allen Ebenen – Formvielfalt, Größe, Spiellänge, Musikbegleitung – alles übertroffen haben, das ich bisher gesehen habe. Hier geht’s zum diesjährigen Event.

So feurig feiern die Warschauer Silvester © Maria Szmit

Ich weiß nicht genau, was ich mir von Warschau erwartet hatte – kommunistische Bauwerke, konservative Menschen, harte Kontraste? Was ich erlebte, war ein Ort am Weg zur Weltstadt, voller Potential und offener Menschen – und last, but not least – herrlichem Essen! Jeder sollte diese faszinierende Stadt für sich entdecken. Im nächsten Jahr sehe ich mir an, was Warschau im Sommer zu bieten hat…

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