Literatour Südengland: Teil 1 – Geschichten aus Canterbury & Bath

Südengland ist ein Flecken Erde, der nicht nur magisch schöne Landschaften beherbergt, auch eine Jahrhunderte alte Literaturtradition lädt ein, sich eingehender mit dem Land und seinen Leuten auseinander zu setzen.

Vor einigen Jahren trieb mich also die Neugier auf eine kleine Rundreise durch dieses Paradies. Seit diesem Zeitpunkt hat sich nicht nur meine Meinung in Bezug auf die englische Küche maßgeblich verändert, viele jener Autorinnen und Autoren, die ohnehin schon einen Platz in meinem Herzen hatten, meine ich nun ein wenig besser zu verstehen.

Christopher Marlowe: Willkommen in Canterbury

River Stour in Canterbury

London lassen wir auf dieser Reise links liegen. Zu viel Zeit würde die Hauptstadt für sich in Anspruch nehmen, daher brechen wir gleich in Richtung Südosten auf und machen Halt in Canterbury. Egal wohin man in Südengland reist, das Land trieft geradezu vor Geschichte. Selbst jene, die in der Schule kaum aufgepasst haben, werden da und dort an diversen Orten vorbeikommen, die quasi zum historischen Gemeinwissen gehören. Noch viel spannender jedoch ist Geschichte, wenn sie in Gedichten und Romanen verarbeitet wird.

Wer sich in der englischen Literatur zu Hause fühlt, wird also mit Sicherheit von Christopher Marlowe gehört haben. Der Poet hat seine Wurzeln in Canterbury und manche meinen sogar, er wäre in Wahrheit das Hirn hinter der Dichtkunst von William Shakespeare gewesen. Abseits dieser Theorie haben sich beide gewiss gegenseitig inspiriert und waren, einer wie der andere, herausragende Dichter. In einer Londoner Kneipe während eines Streits erstochen, fand Marlowe jedenfalls ein tragisches Ende.

Geoffrey Chaucer: Geschichten aus Canterbury

209x262xGeoffrey_Chaucer__17th_centuryEbenso blutig endete auch das Leben eines weiteren großen Sohnes der Stadt: Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, war seinem Herrscher Heinrich dem II. offenbar zu aufmüpfig, ein paar Mörder später lag er erschlagen am Boden seiner Kathedrale.

Den Ort des blutigen Attentats können Schaulustige noch heute besuchen. Ein in rot gehaltenes „Thomas“ bezeichnet die Stelle, wo der Priester sein Leben ließ. Geoffrey Chaucer, der Albtraum vieler Anglistikstudentinnen, hat einen Teil seiner „Canterbury Tales“ rund um das Grabmahl des Thomas Becket angesiedelt.

Innenhof der Kathedrale in Canterbury

Kreuzgang der Canterbury Cathedral

Blutige Geschichte hin oder her, die Kathedrale von Canterbury ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Eine wunderbare, zutiefst beeindruckende gotische Konstruktion, wurde sie gegen Ende des 11. Jahrhunderts n. Chr. erbaut und ist wohl eine der berühmtesten Kathedralen Europas.

Thomas Hardy: Ein Haufen Steine nördlich von Salisbury

Weiter geht es nach Salisbury. Neben einer weiteren schönen Kathedrale bietet sich die hübsche Stadt auch durch ihre Nähe zu einer viel älteren Sehenswürdigkeit als idealer Zwischenstopp an. Stonehenge liegt nur wenige Kilometer nördlich von Salisbury und lässt sich von dort aus mit Bus oder Auto bequem erreichen.

Kathedrale von Salisbury

Der mysteriöse Steinkreis Stonehenge

189x274xThomashardy_restoredNoch vor nicht allzulanger Zeit führte eine eher uncharmante Bundesstraße direkt neben dem Jahrtausende alten Steinkreis vorbei. Mittlerweile hat man ein noch neues Besucherzentrum gebaut und führt die interessierten Besucher über einen Umweg an die Sehenswürdigkeit heran.

Dies ermöglicht leider kaum intime Momente, nichts desto trotz bleibt das Monument in seiner Zeitlosigkeit und Schönheit ein beeindruckendes Zeugnis menschlichen Könnens. Einzug fand das mysteriöse Gebilde auch in die Literatur. Thomas Hardy füllte eine ganze Passage seines Romans „Tess of the D’Urbervilles“ mit der Erkundung der Steine durch die Protagonisten des Buches.

 

Jane Austen: You alone have brought me to Bath

Einen Katzensprung nordwestlich von Salisbury liegt Bath, eine hinreißend schöne englische Stadt und ganz nebenbei auch eine der Wirkungsstätten von Jane Austen, der wohl berühmtesten Schriftstellerin Englands.

Wie damals bei Jane Austen - Center der Schriftstellerin in Bath

Austen hat einige Zeit selbst in Bath gelebt und dort auch das herzerwärmende Ende ihres Buches Persuasion („Überredung”) angesiedelt. Ein paar Tage Zwischenstopp auf unserer Reise sind also durchaus lohneswert. Zum Einen, um ein paar denkwürdige Orte im Universum Jane Austens aufzusuchen, zum Anderen, um sich einfach auch ein wenig zu erholen. Letzteres fällt ganz besonders leicht, da Bath nicht umsonst „Bath” heißt, sondern tatsächlich heiße Quellen beherbergt, die schon die alten Römer erfreut haben.

Thermae Bath Spa

So empfiehlt es sich, die römischen Ausgrabungen zu besichtigen und sich hernach sogleich einen Besuch in der komplett renovierten Thermae Bath Spa (http://www.thermaebathspa.com/) zu gönnen. Vom Pool am Dach der Therme, welche sich mitten in der Altstadt befindet, wird man mit einem unschlagbaren Blick auf die historische Abtei belohnt. Billig ist das Vergnügen nicht, aber es zahlt sich allemal aus.

Abbey & Roman Baths in Bath

Roman Baths in Südengland

Das Geld, das man für den Thermenbesuch ausgibt, kann man schließlich auf einem der kostenlosen geführten Stadtspaziergänge einsparen (http://www.bathguides.org.uk/index.html). Diese city walks, ebenso wie viele Führungen durch historische Sehenswürdigkeiten, sind in England sehr häufig kostenlos. Sie werden von Senioren, die sich meist durch einen sympathischen Sinn für Humor und ein fast enzyklopädisches Wissen auszeichnen, durchgeführt. Wer auf Reisen ist, tut daher immer gut, sich in den offiziellen Tourismus-Info-Zentren kundig zu machen. Ich habe viele derartige Touren mitgemacht und war jedes Mal mehr als begeistert davon.

Royal Crescent in Bath, Südengland

Blick auf Bath mit River Avon

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