Montreal Insider: Kanadas außergewöhnlichste Stadt

Montreal is a strange place“ – was dem Oasis-Sänger Noel Gallagher schon aufgefallen ist, wurde auch mir bewusst, als ich dort ein viermonatiges Praktikum absolvierte. Im Gegensatz zu Gallagher verwunderte mich allerdings weniger, dass viele Schilder auf Französisch sind – schließlich ist Montreal mitten in der kanadischen Provinz Québec, in der, gerade in ländlichen Gebieten, vorwiegend Französisch gesprochen wird.

Im Herbst erstrahlt die kanadische Stadt Montreal in buntem Blätterkleid

Waschbären trifft man in Montreal an jeder Ecke © Kerstin Fuhrich

Mich überwältigte vielmehr die überragende Auswahl an Freizeitaktivitäten sowie die Montrealer Identität, die zwischen anglophonem Stolz und frankophoner Verteidigunsposition schwankt und letztendlich gerade bei der jüngeren Generation zu einer außerordentlichen Offenheit führt.

Meine persönlichen Montrealer Lieblingsecken und Orte, die mich als Europäerin beeindruckt haben, stelle ich hier vor.

Skyline, Spaziergänge, Surfer – Sightseeing in Montreal

 

Das Montrealer Viertel The Village ist mit pinken Luftballons behangen. © Kerstin Fuhrich

Flusssurfer mitten in der Stadt Montreal © Kerstin Fuhrich

Montreal besteht aus Vierteln, die alle einen ausgeprägt unterschiedlichen Charakter besitzen. Bei einem Spaziergang durch die Stadt sollte man auf jeden Fall durch Downtown gehen und die leuchtenden Hochhausfronten bestaunen. Weiter geht es ins Quartier Latin, in dem man via Smartphone die Farbbeleuchtung der Bäume verändern kann. Anschließend streift man durchs Gay Viertel „The Village“, über dessen Straßen rosa Luftballons hängen. Danach kann man noch das kleine Chinatown mit seinem Eingangstor bewundern und am alten Hafen die europäische Atmosphäre irgendwo zwischen Verona und Paris genießen.

Die Außentreppen sind typisch für Montreals Stadtbild - am schönsten sind die natürlich im Herbst. © Kerstin FuhrichGut geht das, wenn man für ein bis drei Tage ein Bixi-Bike abonniert, dessen Stationen an jeder Straßenecke zu finden sind: So kommt man nicht nur gut ohne verwirrende Buslinien aus, sondern erreicht auch Stellen, die vom öffentlichen Nahverkehr nicht angefahren werden. Beispielsweise das architektonische Meisterwerk Habitat 67, hinter dem Fluss-Surfer ihr Können zum Besten geben.

Ganz besonders schön ist am alten Hafen die Kirche Notre-Dame-de-Bon-Secours, die von Leonhard Cohen im vielfach gecoverten Lied „Suzanne“ besungen wurde: „And the sun pours down like honey/ On our lady of the harbour“. Investiert man in den Eintritt zum angrenzenden Marguerite de Bourgeois Museum, kann bis zur Kirchturmspitze steigen und genießt neben Engelsstatuen den Blick auf den Vieux Port.

Selbstverständlich ist auch ein Ausflug auf den Mont Royal Pflicht: der Hügel, der in der Mitte der Stadt liegt und zu Fuß am besten von der Rue Peel aus in ca. 30 Minuten erklommen werden kann. Von oben bietet sich der schönste Ausblick auf die Skyline von Montreal. Und wer bis zur Dämmerung wartet, sieht im Park, der vom Architekten des New Yorker Central Park erdacht wurde, in der Nähe des Beaver Lake Waschbären umherstreifen, die keinerlei Menschenscheu haben.

Aussichtsplatform am Mont Royal, Montreal © Kerstin Fuhrich

Die Kirche am alten Hafen, über die schon Leonhard Cohen sang (Montreal, Kanada) © Kerstin Fuhrich


Shopping über und unter der Erde

Zum Einkaufen bietet sich die Ste Catherine Straße an, auf der alle wichtigen Shops zu finden sind. Bei schlechtem Wetter weicht man einfach auf die unterirdische Stadt aus, die verschiedene Einkaufszentren miteinander verbindet. Von der Rue Ste Catherine kommt man beispielsweise an der Kreuzung zur Rue McGill in das Centre Eaton, ein paar Meter weiter gibt es unter einer Kathedrale den Eingang zu den Promenades Cathedrale.

Eva B, wohl eins der großartigsten Vintage- und Second Hand Geschäfte der Welt in Montreal © Kerstin Fuhrich

Montreal: Streetart an jeder Ecke © Kerstin Fuhrich

Für Second Hand Liebhaber ist Eva B das Paradies: ein Laden auf mehreren Ebenen, der eine Mischung aus Second Hand Klamotten und Kleidung von lokalen Designern zu erschwinglichen Preisen anbietet. Nebenbei verteilen am Eingang aufmerksame Verkäuferinnen gratis Popcorn und Eistee und hinter der Theke steht ein weißbärtiger Kauz, der außerdem billige Samosas und Brownies verkauft.

Achtung: alle Geschäfte addieren erst an der Kasse noch die lokalen Steuern – der Preis auf dem Etikett ist also nicht der endgültige.

Das Nationalgericht im Québec? Pommes mit Käse und Bratensoße

Es klingt absurd, aber: Lebensmittel in Supermärkten sind in Montreal so teuer, dass sich einkaufen und selber kochen kaum lohnt. Deswegen existiert in Montreal eine große Ausgehkultur, aus der sich fantastische Restaurants entwickelt haben. Mit dem für Europäer günstigen Wechselkurs des kanadischen Dollars bekommt man – nicht nur zu den billigen Mittagsangeboten renommierter Restaurants, sondern auch abends – deswegen exzellentes Essen zu ungewohnt gediegenen Preisen. Allerdings sollte man auf keinen Fall vergessen, ein Trinkgeld von ca. 15-20% zu geben: oftmals leben Bedienungen von diesem Trinkgeld, das sie außerdem auch noch versteuern müssen.

Poutine zum Mitnehmen - hier in der griechischen Spezialversion. © Kerstin Fuhrich

Für Europäer geht der Reiz bei der Fülle an Restaurants in Montreal eher davon aus, ungewohnte Speisen zu testen. An erster Stelle kommt in Montreal dabei die Poutine, eine Mischung aus Pommes, Bratensoße und kanadischem Soft Cheese. Jedes Poutinerestaurant verwendet eine eigene, hausgemachte Soße – besonders hervorstechend ist dabei aber La Banquise, die über 30 verschiedene Poutinesorten anbietet und 24 Stunden offen hat.

Die Banquise, Montreals bekanntestes Poutine-Restaurant. 24h geöffnet! © Kerstin Fuhrich

Das beste Mittel gegen den Kater nach zu ausgiebigen Feiernächten sind dagegen die Mac ’n‘ Cheese, die das Restaurant Griffintown am Wochenende und an Feiertagen zu Brunch-Zeiten anbietet. Die Maccharoni werden dabei mit einer Käsesauce serviert, die zusammengesetzt ist aus einem lokal produzierten, 2 Jahre alten Cheddar, Schweizer Gruyere und direkt in Montreal gebrautem Ale. Darüber kommen außerdem noch zwei pochierte Eier und Bacon.

Seit 2013 fahren Foodtrucks durch die Stadt, die an verschiedenen Stellen in Montreal halten und exzellentes, hochwertiges Essen verkaufen. Die Spanne reicht von Thailändisch über Poutine mit Foie Gras (Gänseleber) hin zu frittiertem Käsekuchen – wer einen Foodtruck auf seinen Streifzügen durch Montreal entdeckt und hungrig ist, sollte sich das nicht entgehen lassen.

Feiern in Montreal: unzählige Festivals, frühe Sperrstunden

In Montreal jagt ein Festival das nächste. Egal zu welcher Jahreszeit man anreist – die Wahrscheinlichkeit ist äußerst hoch, dass gerade eine ausgezeichnete Veranstaltung statt findet. Um nur einige der originellsten zu nennen: das Montrealer Jazzfestival ist das größte der Welt, während dem elf Tage lang Musiklegenden auftreten.

Entspannte Atmosphäre während des Osheaga Festivals , das als kanadisches Coachella gehandelt wird. © Kerstin Fuhrich

T-shirt-schwenken beim Auftritt der Capital Cities während dem Osheaga Festival © Kerstin Fuhrich

Seit einigen Jahren macht sich das Osheaga Festival einen Namen als das kanadische Äquivalent zum Coachella Festival und erstaunt jedes Jahr aufs neue mit einem so hochwertigen Line-Up, dass hiesige DJs beim Blick auf das Programm schon glaubten, es könne sich nur um einen Witz handeln.

Jeden Sonntag im Sommer veranstaltet der Montrealer Produzent Tega ein außerordentliches Open-Air namens Picnik Electronik auf der Insel Jean Drapeau, auf dem berühmte Elektro-DJs vom frühen Nachmittag bis frühen Abend das bunt gemischte Publikum zum Tanzen bringen. Wer sich den Eintritt sparen will, kann am selben Tag stattdessen zu den Tamtams gehen, die Percussionisten zum Fuß des Mont Royal ziehen, um dort gemeinsam unter freien Himmel zu musizieren.

Auch im Winter reißt die Veranstaltungsspanne nicht ab: Montreal en Lumière beleuchtet die gesamte Innenstadt, und das Igloofest ist in den Wintermonaten das Pendant zum Picnik Electronik – bei deutlichen Minusgraden tanzt man sich dort zu elektronischer Musik unter freien Himmel warm.

Die Skyline Montreals bei Nacht vom Mont Royal aus gesehen © Kerstin Fuhrich

Clubs in Montreal haben generell bis 3 Uhr offen – worauf die Montrealer stolz sind, denn die rivalisierende Stadt Toronto macht ihre Bars und Clubs schon um 2 Uhr dicht. Das bedeutet, dass man sich in Montreal an ein frühes Weggehen gewöhnen sollte: eine gute Hilfe dabei sind die Happy Hours, die Bars meist von 17 bis 19 Uhr anbieten. Achtung: öffentlicher Alkoholkonsum ist verboten. Die Gesetzeslücken sind hierbei diffus, lassen sich aber zusammenfassen mit: wer zu dem Alkoholgenuss in der Öffentlichkeit deutlich erkennbar ein Picknick macht, der kommt in der Regel ungestraft davon.

Die gemütliche Einrichtung des Apartment 200 in Montreal, Kanada © Apt. 200

Die Dekoration des Apartment 200 ist mit viel kanadischer Selbstironie gestaltet © Apt. 200

Meine eindeutige Lieblingsbar ist Apartment 200, das eingerichtet ist wie eine komplette Wohnung – inklusive Schlafzimmer. In jeder Ecke stehen außerdem Retro-Spielautomaten, an denen man sich zum Beispiel an einen neuen Rekord in Mrs. Pacman versuchen kann.

In der Korova Bar, Montreal, lässt sich gut das Tanzbein schwingen © Korova Bar

Auch die Korova-Bar ist ein guter Anlaufpunkt: je später es wird, desto mehr füllen sich die oberen Räume mit tanzwütigem Publikum. Das Saint Sulpice dagegen besteht aus einem gesamten Haus inklusive Innengarten, der zum Tanzen einlädt.

Die Drag Shows im Cabaret Mado, Montreal, sind Kult © Cabaret Mado

Wer es exzentrisch mag, kann die Kultfigur Mado Lamotte in ihrem eigenen Club im Village besuchen: das Cabaret Mado, in dem Drag Queens Lieder playback zum Besten geben. Mado Lamotte ist eine Ikone der Schwulenbewegung und steht als Figur im Grévin Wachsmuseum gleich neben Céline Dion.

Montreal ist mit seinen kleinen Absurditäten und Eigenarten in der Tat „a strange place“ mit einer auffallenden Mischung aus amerikanischen und europäischen Einflüssen – aber dies mit einem ganz besonderen Charme. Ich hoffe, ihr werdet mit Hilfe meiner Tipps auch diesen Charme an Montreal entdecken können.

Adressen

  • Habitat 67 und Flussurfer: 2600, avenue Pierre-Dupuy. Am besten mit dem Bixi-Bike zu erreichen.
  • Kirche Notre-Dame-de-Bon-Secours und angrenzendes Marguerite de Bourgeois Museum
  • mit Aufstiegsmöglichkeit aufs Dach: 400, avenue Saint Paul Est. Direkt am alten Hafen.
  • Mont Royal: Aufstieg am besten vom Ende der Rue Peel aus
  • Eva B Second-Hand Shop: 215, boulevard Saint Laurent
  • La Banquise Poutine-Restaurant: 994, rue Rachel Est
  • Resto Griffintown: 1378 rue Notre-Dame Ouest
  • Apartment 200: 3643, boulevard Saint Laurent
  • Korova Bar: 3908, boulevard Saint Laurent
  • Saint-Sulpice: 1680, Saint Denis
  • Cabaret Mado: 1115, rue Sainte-Catherine Est

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